Denkanstöße




 

 

Der aus der Reihe tanzt

 

Ein Gruß dem Menschen,

der aus der Reihe tanzt

und nicht

dem Trend der Mehrheitsmeinung folgt,

sondern täglich nach Gottes Willen fragt.

 

Ein Gruß dem Menschen,

der den Widerspruch wagt

und nicht

längst verschlissene Phrasen wiederholt,

sondern seine Ohren öffnet für neue Worte.

 

Ein Gruß dem Menschen,

der in guter Hoffnung lebt

und nicht

im Kreise müde grinsender Leute sitzt,

sondern von Gott Überraschungen erwartet.

 

Er ist

wie ein Baum am Bachufer,

wird unter grünen Blättern Frucht bringen,

und seine Spuren wird der Wind nicht verwehen.

 

Er ist

ein Mensch in Gottes Hand

und wird

ein Beispiel der Hoffnung sein für viele,

die für sich und die Erde nichts mehr erwarten.

 

Johannes Hansen nach Psalm 1

 

 

 

 


JESUS WOHNT IN UNSERER STRAßE

 

Jesus wohnt in unserer Straße,

ist ein alter Mann.

Gestern bin ich ihm begegnet,

und er kam mir sehr allein vor,

und er sah mich an.

Und er sagte: Wer weiß denn schon,

dass ich in dieser Straße wohn,

gleich um die Ecke?

 

Jesus wohnt in unserer Straße,

hat keine Beine mehr.

Gestern bin ich ihm begegnet,

und es saß in einem Rollstuhl,

rollte vor mir her.

Und er sagte: Wer weiß denn schon,

dass ich in dieser Straße wohn,

gleich um die Ecke?

 

Jesus wohnt in unserer Straße

ist ´ne kranke Frau.

Gestern bin ich ihr begegnet,

und es zitterten die Hände,

und ihr Haar war grau.

Und sie sagte: Wer weiß denn schon,

dass ich in dieser Straße wohn,

gleich um die Ecke?

 

Jesus wohnt in unserer Straße,

ist ein Schlüsselkind.

Gestern bin ich ihm begegnet,

und es stand am Zaun und weinte,

eiskalt war der Wind.

Und es sagte: Wer weiß denn schon,

dass ich in dieser Straße wohn,

gleich um die Ecke?

 

Jesus wohnt in unserer Straße,

im Barackenhaus.

Gestern bin ich ihm begegnet,

sah fast wie ein Flüchtling,

ja, so sah er aus.

Und er sagte: Wer weiß denn schon,

dass ich in dieser Straße wohn,

gleich um die Ecke?

 

Jesus wohnt in unserer Straße,

man hat ihn gefasst.

Gestern bin ich ihm begegnet,

nach zwei Jahren Knast.

Und er sagte: Wer weiß denn schon,

dass ich in dieser Straße wohn,

gleich um die Ecke?

 

Jesus wohnt in unserer Straße,

wohnt da ganz am End.

Gestern bin ich ihm begegnet,

und er fragte: Du, wie kommt es ,

dass mich keiner kennt?

Und ich sagte: Wer weiß denn schon,

dass du in dieser Straße wohnst,

gleich um die Ecke?

 

 

RUDOLF OTTO WIEM 



Lebensregeln

für ältere Menschen im Verhältnis zu jüngeren

 

  1. Du sollst dir klar machen, dass die jüngeren, die verwandten oder sonst lieben Menschen beiderlei Geschlechts das Recht habem, ihre Wege nach ihren eigenen (nicht deinen) Grundsätzen, Ideen und Gelüsten zu gehen, ihre eigenen Erfahrungen zu machen und nach ihrer eigenen (nicht deiner) Fasson selig zu sein und zu werden.

 

  1. Du sollst ihnen also weder mit deinem Vorbild noch mit deiner Altersweisheit, noch mit deiner Zuneigung, noch mit Wohltaten nach deinem Geschmack zu nahe treten.

 

  1. Du sollst sie in keiner Weise an deine Person binden und dir verpflichten wollen.

 

  1. Du sollst dich weder wundern noch gar ärgern und betrüben, wenn du merken musst, dass sie öfters keine oder nur wenig Zeit für dich haben, dass du sie - so gut du es mit ihnen meinen magst und so sicher du deiner Sache ihnen gegenüber zu sein denkst - gelegentlich störst und langweilst und dass sie dann unbekümmert an dir und deinen Ratschlägen vorbeibrausen.

 

  1. Du sollst bei diesem ihrem Tun reumütig denken, dass du es in deinen jüngeren Jahren den damals älteren Herrschaften gegenüber vielleicht (wahrscheinlich) ganz ähnlich gehalten hast.

 

  1. Du sollst also für jeden Beweis von echter Aufmerksamkeit und ernstlichem Vertrauen, der dir von ihrer Seite widerfahren mag, dankbar sein, du sollst aber solche Beweise von ihnen unter keinen Umständen erwarten oder gar verlangen.

 

  1. Du sollst sie unter keinen Umständen fallen lassen, sondern sollst sie vielmehr, indem du sie freigibst, in heiterer Gelassenheit begleiten, im Vertrauen auf Gott auch ihnen das Beste zutrauen, sie unter allen Umständen lieb behalten und für sie beten.

 

 

(Karl Barth, evangelischer Theologe (1886-1968)


Liebst du Gott?

 

Ein junger Jude kommt zu einem Rabbi und sagt: «Ich möchte gern zu dir kommen und dein Schüler werden.» Da antwortete der Rabbi: «Gut, das kannst Du, aber ich habe eine Bedingung. Du musst mir eine Frage beantworten: Liebst Du Gott?» Da wurde der Schüler traurig und nachdenklich. Dann sagte er: «Eigentlich 'lieben', das kann ich nicht behaupten.» Der Rabbi sagte freundlich: «Wenn du Gott nicht liebst, hast du Sehnsucht danach, ihn zu lieben?» Der Schüler überlegte eine Weile und erklärte dann: «Manchmal spüre ich die Sehnsucht danach, ihn zu lieben, recht deutlich, aber meistens habe ich soviel zu tun, dass diese Sehnsucht im Alltag untergeht.» Da zögerte der Rabbi und sagte dann: «Wenn du die Sehnsucht, Gott zu lieben, nicht so deutlich verspürst, hast du dann Sehnsucht danach, Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben?» Da hellte sich das Gesicht des Schülers auf und er sagte: «Genau, das habe ich. Ich sehne mich danach, diese Sehnsucht zu haben, Gott zu lieben.» Der Rabbi entgegnete: «Das genügt. Du bist auf dem Weg.»

 

 

Martin Buber (1878 – 1965)